Gedanken aus dem Gemeindebrief

 

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

im ersten Gottesdienst dieses neuen Kalenderjahres haben wir – wie es schon viele Jahre Tradition bei uns ist – die Jahreslosung für unsere Gemeinde gezogen. Sie steht im Propheten Jeremia und lautet:

 

Gesegnet ist, der sich auf den Herrn verlässt und dessen Zuversicht der Herr ist.“

 

Jeremia 17,7

 

Was für die Eine eine gute Erinnerung an die Treue des Herrn ist, mag den Anderen vielleicht stutzen lassen oder sogar Widerspruch in ihm hervorrufen. Denn der Volksmund weiß zu diesem Thema etwas ganz Anderes zu sagen: Wer sich auf Andere verlässt, der ist verlassen. Die Meisten werden diesen Ausspruch schon mal gehört haben. Üblicherweise immer dann, wenn irgendwo etwas schief gegangen ist. Wenn der Partner beim Einkauf etwas vergessen hat und man selber noch einmal los muss. Oder wenn Arbeiten im Haushalt nicht zur eigenen Zufriedenheit ausgeführt wurden und man doch noch einmal selber Hand anlegen muss, obwohl man sich eigentlich Entlastung erhofft hatte. Wenn der Kollege auf der Arbeit einen Fehler gemacht hat, der nun behoben werden muss und man später nach Hause kommt, als man eigentlich wollte. In diesen oder ähnlichen Fällen mag man sich denken: Hätte ich es doch bloß selber gemacht.

 

Wie so oft steckt auch in dieser Redensart eine Wahrheit. Es ist die Erfahrung, dass das Vertrauen, das man in Menschen gesetzt hat – ob in kleinen oder in großen Dingen – enttäuscht werden kann. Das mag bei einem nur ungenügend ausgeführten Einkauf oder einem Nagel in der falschen Wand zu vernachlässigen sein. Wenn es aber ans Eingemachte geht, kann das den Zerbruch von Beziehungen nach sich ziehen und einst tiefe Beziehungen regelrecht zerstören. Denn dort, wo wir vertrauen, geben wir Kontrolle aus der Hand. Dort, wo wir uns auf jemand Anderen verlassen, liegen die Geschicke eben nicht mehr in unserer Macht und wir sind angewiesen. Jemandem zu vertrauen, sich auf jemanden zu verlassen, das heißt darum oft auch, sich verletzlich zu machen. Und manchmal sind Verletzungen die Folge.

 

Obwohl es also bisweilen schwierig ist, sich auf andere zu verlassen, Kontrolle aus der Hand zu geben, sich verletzlich zu machen und sein Geschick in die Hände eines anderen zu legen – insbesondere, wenn man damit schon schlechte Erfahrungen gemacht hat – ruft der Vers aus dem Propheten Jeremia genau dazu auf. So wahr es ist, dass Menschen enttäuschen können – bei Gott ist das anders! Nicht obwohl wir schon von Menschen enttäuscht worden sind, dürfen wir Gott dennoch vertrauen, sondern weil wir wissen, dass uns dies bei Menschen geschehen kann, tut es gut, sich bei Gott geborgen zu wissen, der treu ist. Darauf liegt Segen, wie uns der Vers zuspricht. Oder, um es mit anderen Worten zu sagen: das gibt Kraft zum Leben und zum Wachstum.

 

Es lohnt sich, diese Worte im Herzen zu tragen und sich in all den Herausforderungen des Alltags und den großen und kleinen Sorgen dieser Welt in Erinnerung zu rufen. Was alles vor uns liegen mag in diesem Jahr, letztlich wissen wir es nicht. Wir werden manche Ahnung haben, der wir mal sorgenvoll und mal freudig entgegenblicken. In allem, Guten wie Schlechtem, dürfen wir vertrauen, dass wir bei Gott geborgen sind. Dass er treu zu uns steht. Und dass wir dort, wo wir uns auf ihn verlassen, eben nicht Verlassene sind, sondern gesegnete. Diese Erfahrung wünsche ich uns allen.

 

Micha Soppa