Gedanken

Wie es dir möglich ist: Aus dem Vollen schöpfend – gib davon Almosen! Wenn dir wenig möglich ist, fürchte dich nicht, aus dem Wenigen Almosen zu geben!  

Monatsspruch Oktober,  Tobias 4,8

                                            

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

ein Monatsspruch aus den Apokryphen – da stutzt der erfahrene Losungsnutzer, das ist selten.

Aber da Martin Luther schreibt: ...sie sind nicht der Heiligen Schrift gleichzusetzen, aber gut und nützlich zu lesen... schauen wir mal, was Tobias uns zu sagen hat.

Zuerst einmal geht es hier nicht um den Zehnten, der ist und bleibt obligatorisch. Hier geht es um das, was wir einem Bedürftigen geben.

 

Und schon lauert da der erste Fallstrick: Wir neigen dazu, zu fragen, wer denn bedürftig sei.

Wir wollen ja unser schönes Geld nicht wie Perlen vor die (na, ihr wisst schon). Da steht uns allerdings Jesus im Weg, der uns sagt: Gib dem, der dich bittet und: Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut. Matth. 5,43a und 6,3

Das schließt auch aus, dass wir an unsere Gaben Bedingungen knüpfen, was wir doch manchmal zu gerne tun würden.

In Waren ist mir das noch nicht passiert, aber in Berlin wird man ständig angebettelt. Ganze Banden von gewerbsmäßigen Bettlern gibt es da oder Drogenabhängige und Alkoholiker. Soll ich ihnen etwas geben? Und wenn ja, wieviel? Und soll ich dazu sagen: Nicht versaufen!?

Mich haben diese Fragen immer mal wieder beschäftigt, in Berlin, wenn die bettelnden Frauen von Männern abkassiert wurden, die im Mercedes vorfuhren und hier, wenn ich den sechsten Bettelbrief öffne, der mir hungrige Kinder mit traurigen Augen in Farbe ins Haus bringt.

 

Der Monatsspruch ist da hilfreich, finde ich.

 

Da geht es nur darum, dass ich ermutigt werde, Almosen zu geben.

Gib! Richte nicht, rechne nicht, geize nicht, gib!

Gib, weil dir all das, was du hast, gegeben wurde. Es ist nicht deins, es ist eine Leihgabe aus dem Haushaltstopf des Himmelreiches. Du hast dafür gearbeitet? Gut, dann hast du deinen Lohn bekommen, um ihn zum Segen werden zu lassen. Du sollst nicht hungern, du sollst deine Familie versorgen, aber du sollst eben auch abgeben.

Was Jesus in der Bergpredigt vom Almosengeben sagt, lohnt, nochmal nachgelesen zu werden: Matth. 6,1-4

Nach dieser Definition ist ein Almosen nicht die Spende an eine caritative Organisation mit Quittung für die Steuer, sondern eine furchtlose, freundliche Gabe für einen, der die Hand ausstreckt. Oder vielleicht eine anonyme Spende an die Nachbarin mit den vier Kindern, deren Mann schon so lange arbeitslos ist.

Unser Sozialsystem nimmt uns die Verantwortung für unsere Mitmenschen nicht gänzlich ab.

 

Werden wir also nicht nur für die Gemeinde fröhliche Geber, sondern auch für all die, die es nicht verdient haben – ebenso wie wir.

 

                                                                                                                    G. Wegener