Gedanken aus dem Gemeindebrief

 

 

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

 

 

mit den Engeln ist es ja so eine Sache bei uns. Viele Menschen in unseren Breiten denken bei diesem Wort möglicherweise zuerst an mehr oder weniger dekorative Holzfigürchen mit knuffigen Flügeln und einem breiten Lächeln. „Schutzengel“ steht meist noch dabei. Klein und handlich sind sie und können so an unterschiedlichsten Orten aufbewahrt werden, um dort ihre „Wirkung“ zu entfalten. Nun ja...

 

Im Neuen Testament begegnen uns weniger kitschige Engel, aber dafür an prominenter Stelle. Gerade in den für uns Christen so wichtigen biblischen Texten über die Geburt sowie zu Tod und Auferstehung Jesu Christi spielen sie eine wichtige Rolle. Da sind zum Einen die Engel, die den Hirten auf dem Feld die Geburt des Retters der Welt verkünden. Ausgerechnet Angehörigen jenes Berufsstandes, der als schlitzohrig und diebisch galt haben sie zuerst von der guten Nachricht erzählt. Die Niedrigsten hören so zuerst vom Höchsten. Und dann sind da, gute 30 Jahre später, die Engel am Grab Jesu, die den Frauen von der Auferstehung des Gekreuzigten berichten. Ausgerechnet Frauen, deren Aussage als Beweis von offizieller Seite nicht zulässig war, weil sie – ja, warum eigentlich? Wie schön, dass dieser Umstand heute für die meisten Menschen wohl befremdlich ist. Doch der krasse Gegensatz ist deutlich: die wohl wichtigste Nachricht der Menschheit wird denen Anvertraut, denen es keiner glaubt. Die Engel im Leben Jesu scheinen einen feinen Sinn für Humor gehabt zu haben. Beherbergt hat sie aber keiner, zumindest wird uns nichts davon berichtet.

 

Ein Engel ist eben mehr als eine an den Aberglauben appellierender Talisman und nicht zwangsläufig eine geflügelte Gestalt, sondern zunächst eines: ein Bote. Jemand, der oder die eine Botschaft von Gott überbringt. Wie schön wäre es, wenn sie immer an ihren Flügel und dem sie umgebenden Lichtglanz erkennbar wären. Doch die Boten können eben auch ganz anders sein. Die Botschaft, dass ihr Sohn der Retter der Welt ist, hörten Maria und Josef von Hirten. Die Nachricht vom Auferstandenen hören die Jünger von Frauen. Ein merkwürdiges Drehbuch, könnte man meinen. Und doch waren es Boten Gottes, Engel, wie sie wohl keiner erwartet hätte.

 

Ich merke: um offen für das Reden Gottes zu sein, muss ich auch bereit sein, es von ganz unerwarteter Seite und aus ganz unerwartetem Munde zu hören. Doch um dieses Reden an mich zu hören, muss ich zunächst den Boten zu Wort kommen lassen – von dem ich ja noch gar nicht weiß, dass er es ist. Oder eben sie. Ich will darum gespannt sein und offen für Anderes, vielleicht Fremdes. Möglicherweise geschieht ja dann das Wunder!

 

Micha Soppa