Gedanken

„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN; denn, wenn‘s ihr wohlergeht, so geht‘s euch auch wohl.“ (Jeremia 29,7)

 

Geistlicher Impuls von

Micha Soppa

 

Liebe Leserin, lieber Leser!

 

das Beste für unsere Stadt – das will sicherlich jede/r, ganz gleich aus welcher Stadt man auch kommen mag. In Waren hieß das für uns im September ganz konkret, dass wir uns im Rahmen der Bürgermeisterwahl entscheiden mussten, wem wir unsere Stimme geben wollten, damit es „ihr wohlergeht“. Dann was Wohlergehen heißt – was also tatsächlich das Beste für unsere Stadt sein würde – davon hat naturgemäß jede/r eine andere Vorstellung. Dass aber alle wirklich nur das Beste für die Stadt wollen, in der sie Leben, bleibt.

Für die Menschen, die im 6. Jahrhundert v. Chr. dieses Wort des Propheten Jeremia gehört haben, das als Monatsspruch über dem Oktober steht, mag das allerdings weniger selbstverständlich gewesen sein. Denn sie waren als Gefangene des weggeführten Volkes Israel fern der Heimat in einer Stadt, in der sie nicht sein wollten. Dieser Stadt Wohlergehen zu wünschen und sich für ihr Bestes einzusetzen wird wohl kaum oberste Priorität gehabt haben. Vielmehr ging es den Gefangenen darum, diesen Ort so schnell wie möglich zu verlassen und zu dem zurückzukehren, was sie kannten und liebten. Und tatsächlich gab Menschen, die auftraten und Israel verkündeten, dass genau das auch bald geschehen würde. Falsche Propheten, deren verlockend schöne Botschaft sicherlich viel Gehör fand. Der Prophet Jeremia aber hatte eine unbequemere Wahrheit zu verkünden: dass nämlich diese Zeit der Gefangenschaft lange andauern würde, nämlich 70 Jahre. Eine sehr lange Zeit. So lang, dass einige Israeliten ihre Heimat nicht wiedersehen, andere bis dahin alt werden und wieder andere in die Heimat ihrer Eltern, die sie selber nie gekannt haben, zurückkehren würden. Das Wort Gottes war deutlich herausfordernder als die Botschaft, die man doch viel lieber gehört hätte. Es war die Aufforderung, sich mit den gegebenen Umständen abzufinden und darin das Leben zu gestalten. Gut würde es ihnen hier nur gehen, wenn es dem Ort, an dem sie jetzt nun einmal waren, auch gut gehen würde.

Auf diese Stimme – letztendlich in ihrer gegenwärtigen Situation nur eine unter vielen – zu hören, wird nicht leicht gewesen sein. Erst die Zeit würde zeigen, was wirklich Reden Gottes war und von welcher Stimme man vergeblich gehofft hatte, sie käme von Gott, weil sie so sehr zu den eigenen Wünschen passte. Auch wir erleben gerade eine Zeit, in der viele Stimmen laut rufen. Manches deckt sich vielleicht mit unseren Vorstellungen, Anderes klingt unbequem. Und oft ganz unterschiedliche Positionen beanspruchen für sich, Wahrheit zu sein. Ich denke, auch wir tun gut daran, zu beten und uns für das Gute einzusetzen!

Zum Gebet gehört neben dem Bitten auch das Danken. In all dem Trubel, der uns derzeit umgibt mag manches Mal in Vergessenheit geraten, dass wir auch dazu trotz allem Anlass haben. Besonders in dieser Jahreszeit um Erntedank aber lohnt es, sich wieder in Erinnerung zu rufen, wofür wir trotz allem dankbar sein können. Dafür, dass eine Versorgungskrise in unserem Land ausgeblieben ist und wir mit allem versorgt sind, was wir zum Leben brauchen; dass wir ein so gutes Gesundheitssystem haben; dass wir von so schweren Folgen der Pandemie, wie sie in anderen Ländern der Erde leider auftreten, bisher verschont geblieben sind; dass wir Wege finden konnten, während der Beschränkungen einen Gottesdienst zu erleben; dass wir nach langer Pause wieder Gottesdienst feiern und Gemeinschaft erleben können. Sicherlich wird jede/r diese Liste noch mit persönlichem Dank erweitern können.

Wenn ich so darüber nachdenke, dann fallen mir auch durchaus Bitten ein, die für mich zum Besten für unsere Stadt und unser Land gehören. Auf manche Entwicklung schaue ich mit Sorge. Aber ich merke eben auch immer wieder: Grund für Dankbarkeit findet sich immer und dieser Dankbarkeit will ich mindestens genau so viel Raum geben. Denn wir haben einen Gott, der in allem immer dabeibleibt. So hat es damals übrigens auch Israel erlebt.