Gedanken aus dem Gemeindebrief

 

 

 

„Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr. Gott hält sich
nicht verborgen, führt mir den Tag empor.“


Liebe Leserin, lieber Leser!


Wir alle freuen uns auf den Urlaub. Freunde besuchen, Fahrradtouren, ins Kino

gehen, lesen, ein gutes Konzert hören und morgens möglichst nicht geweckt werden, danach steht uns im Urlaub der Sinn. Warum mir ausgerechnet jetzt Jochen Klepper´s Lied nicht aus dem Kopf geht, kann ich nun wirklich gar nicht verstehen.
„Er weckt mich alle Morgen...“ – grundsätzlich gern - aber bitte nicht im Urlaub.

Schließlich reizte es mich, mehr über Jochen Klepper (1903-1942) und
sein Leben zu erfahren. Was ich entdeckte, ging mir wirklich unter die
Haut. Zunächst hatte der junge Klepper wie sein Vater Theologie
studiert, wurde dann aber freier Journalist und Schriftsteller. Gepredigt
hat er in seinem ganzen Leben nur einmal, als sein Vater durch
Krankheit verhindert war. Dieses Morgenlied dichtete er vor nunmehr
über 80 Jahren am 12. April 1938. Es zeugt von Gott, der mit seinem
Wort aufweckt und Gnade gibt für jeden neuen Tag. Doch so
harmonisch und getragen, wie das Lied scheint, war die Situation für
Jochen Klepper damals nicht. Wegen seiner Ehe mit der Jüdin Johanna
Stein geriet er zunehmend in Schwierigkeiten. In seinem Tagebuch kann
man lesen: „Hanni sagt, jetzt breche ihr manchmal wegen der Angst um
die Zukunft der Juden in Deutschland nachts der Schweiß aus, vor allem
in Gedanken an Anstellung und Auswanderung der Kinder. Unser Schlaf
ist wieder Elend, wie in bedrohtesten Zeiten.“ Ja – besonders in solch
schweren Zeiten ist es wichtig wach zu bleiben und sich halten zu lassen
von Gottes weckendem Wort. Der Glaubenskampf für Jochen Klepper
und seine Familie sollte dann aber noch unerträglicher werden. In dem
Wissen, das Christus um sie ringt und sie mit seinen Blicken begleitet,
wählten sie vor dem unmittelbar drohenden Abtransport ins KZ in der
Nacht vom 10. auf den 11. Dezember 1942 den gemeinsamen Freitod.
Das Lied von Jochen Klepper ist wohl in Anlehnung an das Lied vom
Gottesknecht (Jesaja 50, 4-9) gedichtet worden. Jahrzehnte war das
Volk Israel nun schon in der Gefangenschaft. Bisher hatten sie am
Glauben der Väter festgehalten. Gott wird uns wieder befreien und
nach Jerusalem zurückführen. Aber nun machte sich Müdigkeit im Volk
breit. In genau dieser Situation erhob der Prophet mit wirklich
wachrüttelnden Worten seine Stimme und verkündigte den
Geschundenen im Exil die frohe Botschaft: „Gott hat euch noch lange
nicht aufgegeben, er will euch zum Leben befreien“. Aber das Volk
nahm diese Botschaft nicht an und wendete sich gegen „den Wachen“.
Sommer 2019 – wir leben weder im babylonischen Exil, noch spüren wir
etwas von dem Druck, unter dem Jochen Klepper lebte – wir machen
Urlaub. Und so sehr wir uns auch darauf freuen im Urlaub richtig
auszuschlafen, wir sollten dennoch „wach bleiben für Gottes Weckruf“.
Denn wann und wo könnte Gott besser zu uns reden, als in Zeiten der
Stille? Und vielleicht kommen wir dann ja ganz anders aus dem Urlaub
zurück, als wir ihn angetreten haben. Nicht nur unser Leib hat sich
erholt, sondern auch unsere Seele hat eine ganz neue Ausrichtung
erfahren. „Weil Gott uns aufgeweckt hat“ haben wir die Kraft und den
Mut, in Familie, Gemeinde und Gesellschaft wieder zuzupacken.


Helmut Christian Gohr